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IT-Industrie macht krank

28. Oktober 2014

ArbeiterInnen in Billiglohnländern riskieren ihr Leben bei der Herstellung von IT-Produkten, die mit europäischen Steuergeldern bezahlt werden.

Wien, 28.10.2014. Computer, Drucker und andere IT-Produkte sind ein elementarer Bestandteil der Infrastruktur von Behörden, Schulen, Krankenhäusern und anderen öffentlichen Institutionen. In Ländern wie Südkorea und China führt die Herstellung dieser Produkte zu schweren gesundheitlichen Problemen bis hin zu krebsbedingten Todesfällen bei ArbeiterInnen, wie ein neuer Bericht der Südwind-Kampagne Clean-IT und DanWatch belegt.

Der heute veröffentlichte Bericht „Winds of Change: Das Potenzial der öffentlichen Beschaffung, die Arbeitsbedingungen in der IKT-Industrie zu verbesserndokumentiert die unzumutbaren Arbeitsbedingungen in asiatischen IT-Fabriken. Dort kommen mehr als 500 gefährliche Chemikalien zum Einsatz, viele davon führen nachweislich zu einem erhöhten Krebsrisiko. In den letzten Jahren wurde bei Hunderten von ArbeiterInnen in dieser Branche in Südkorea Leukämie und Multiple Sklerose diagnostiziert. Viele der ArbeiterInnen starben bereits.

Mi-Yeon Kim aus Südkorea testete mehr als 15 Jahre lang Halbleiter für Computer in einer Fabrik, die für Samsung produzierte. Jetzt zahlt sie den Preis für die billige Produktion: Erst bekam sie Kopfschmerzen und Menstruationsbeschwerden und hatte Schwierigkeiten schwanger zu werden. Irgendwann klappte es, aber es stellte sich heraus, dass sie einen Tumor hatte und abtreiben musste. „Die Firma gab mir nur fünf Krankheitstage, daher musste ich kündigen. Neun Tage nach meiner Kündigung fand ich heraus, dass ich einen weiteren bösartigen Tumor hatte“, berichtet Mi-Yeon Kim. Ihrem Arzt zufolge könnte ihre Erkrankung mit ihrer Arbeit in der Halbleiterindustrie zusammenhängen. Auf einen direkten Zusammenhang wollte er sich aber nicht festlegen.

“Der Fall von Mi-Yeon Kim ist kein Einzelfall. In vielen Produktionsländern verfügen Ärztinnen und Ärzte nicht über die erforderlichen Fachkenntnisse, teilweise können sie die Zustände am Arbeitsplatz nicht untersuchen und daher nicht zweifelsfrei feststellen, ob sie etwas mit den Erkrankungen zu tun gehabt haben könnten. Ohne offizielle Dokumente ist es jedoch für ArbeiterInnen schwierig, eine Entschädigung zu erwirken“, sagt Andrea Ben Lassoued von der Südwind-Kampagne Clean-IT.

Allein Samsung und LG beschäftigen über 400.000 ArbeiterInnen in Südkorea. Samsung ist weltgrößter Hersteller von Halbleitern, Mobiltelefonen und TV-Geräten, LG das viertgrößte Unternehmen in Südkorea. Gemeinsam erwirtschafteten sie 2012 einen Gewinn von über 20 Milliarden Euro weltweit. Obwohl es zivilgesellschaftlichen Organisationen in den letzten zwei Jahren immer wieder gelang, Beweise für arbeitsbedingte Ursachen von Krebserkrankungen zu erbringen und sie die Fälle auch bis vor den Obersten Gerichtshof in Seoul brachten, erhielten nur einige wenige ArbeiterInnen oder Hinterbliebene Entschädigungszahlungen.

Im Mai 2014 veröffentlichte Samsung schließlich eine Stellungnahme, in der sich das Unternehmen bei den Opfern „mutmaßlicher Betriebsunfälle“ und deren Familien entschuldigte und eine Entschädigung versprach. „Jahrelang haben die Firmen Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Krankheiten bestritten. Die Stellungnahme von Samsung ist ein erster Schritt in die richtige Richtung, aber noch keine konkrete Verbesserung der Arbeitsbedingungen“, meint Ben Lassoued.

In Österreich gibt die öffentliche Hand jährlich 800 Millionen für den Einkauf von IT-Hardware aus. Diese Ausgaben gehen mitunter an Unternehmen, die internationale Arbeitsrechtsstandards verletzen. Ohne es zu wissen, unterstützen damit die SteuerzahlerInnen in Österreich gefährliche Arbeitsbedingungen in Südkorea und anderen Produktionsländern. „Die Öffentliche Hand, die unsere Steuergelder ausgibt, kann sich über ihre Kaufkriterien für menschenwürdige Arbeitsbedingungen einsetzen“, macht Ben Lassoued aufmerksam. Südwind hat gemeinsam mit anderen europäischen Organisationen die unabhängige Monitoring-Organisation Electronics Watch gegründet, die durch sozial verantwortliche öffentliche Beschaffung in Europa die Einhaltung der Arbeitnehmerrechte in der globalen Elektronikbranche erreichen will.

Zum Weiterlesen
● Bericht „Winds of Change: Das Potenzial der öffentlichen Beschaffung, die Arbeitsbedingungen in der IKT-Industrie zu verbessern“ hier zum Download.

● Electronics Watch

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