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InderInnen spüren die Auswirkungen der Übernahme von Nokia durch Microsoft

9. September 2014

Der finnische Handyhersteller Nokia war lange Zeit das nette Mädchen von nebenan unter den Telekomunternehmen. Das änderte sich jedoch nach der Übernahme durch Microsoft. Nun sind jene vietnamesischen und indischen ArbeiterInnen, die die Handys zusammenbauen, die Verlierer.

Diesen Artikel gibt es auch auf Niederländisch auf oneworld.nl, sowie auf Englisch bei Goodelectronics.

Einst war es DIE Handymarke schlechthin: Nokia. Das sympathische Unternehmen wurde benannt nach einem kleinen Dorf in Südfinnland. Verlässliche Handys, mit denen man telefonieren und SMS schreiben konnte. Handys, die man zu Boden fallen lassen konnten, ohne dass sie kaputt gingen. Handys die das süchtig-machende Spiel Snake installiert hatten. Nokia hatte eine gemütlichere Ausstrahlung als die großen, bekannterenMarken. Nokia war „das nette Mädchen von nebenan“ unter den Telekomunternehmen. Nokias Ziel war klar: Menschen zu verbinden (Connecting People). Genau dieser Slogan ließ den bewussten Konsumenten annehmen, dass Nokia sich für Nachhaltigkeit und Menschenrechte einsetzen würde. Nun wurde das nette finnische „Mädchen“ vom großen Fiesling Microsoft verschluckt. Der amerikanische Computergigant übernahm die Mobiltelefonabteilung von der in Not geratenen Nokia um € 5,44 Milliarden. Eine feindliche Übernahme. Fallender Umsatz, Entlassungen, Schließungen von Betrieben. Das arme Nokia konnte nicht gewinnen.

Neustart

Wie war es jetzt wirklich? Können wir die ganze Schuld auf die halsabschneiderischen Berechnungen von Microsoft schieben? So einfach ist es dann doch nicht. In Wirklichkeit kommt der Deal zwischen Nokia und Microsoft beiden Unternehmen sehr gelegen. Nokia ist kein Opfer, sondern hat einen gut durchdachten Beschluss gefasst. Berichten zufolge macht Nokia einen Neustart (der Link ist nur auf Niederländisch verfügbar) in Bezug auf Handys. Das Unternehmen hat viele Stellenangebote für Designer, Techniker und Wissenschaftler mit Mobiltechnologieexpertise ausgeschrieben. Die Dummen sind die FabrikarbeiterInnen, die in Niedriglohnländern Handys zusammenbauen. Sie werden am Schluss die Rechnung dafür zahlen.

Steuerflucht

Sehen wir uns beispielsweise die Situation in Indien an. Dort geht es derzeit drunter und drüber. Nokia ist seit Monaten in einen Steuerstreit mit den indischen Behörden verwickelt. 2005 errichtete Nokia den Nokia Telecom Park in Sriperumbudur im Tamil Nadu (Südindien). Dieser Park beinhaltete ein Montagewerk, sowie Zulieferunternehmen von Nokia (Foxconn, Salcomp, Light On Mobile (ehemals Perlos), Laird und Wintek. Zwei weitere Zulieferer Flextronics und Build Your Dreams befinden sich etwas außerhalb des Areals und beschäftigen noch mehr ArbeitnehmerInnen. Nokia profitierte von den Steuervorteilen und Subventionen, die die Sonderwirtschaftszone bietet. Seit 2005 produzierte die Fabrik in Sriperumbudur 500 Millionen Handys. Am Produktionshöhepunkt beschäftigte der Telekom Park über 25.000 ArbeiterInnen.

Nun sieht die Sache ganz anders aus: Nokia muss sich vor dem Richter wegen Steuerflucht von Hunderten Millionen Euros verantworten. Von den 12.000 ArbeitnehmerInnen wurden 5.700 entlassen. Lokale und internationale Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften kritisierten die „freiwilligen Entlassungspakete“, die ArbeiterInnen nicht ausreichend entschädigten. Auch ArbeitnehmerInnen bei Zulieferunternehmen von Nokia wurden massenhaft entlassen. Somit musste der ganze indische Elektroniksektor einen schweren Rückschlag einstecken. Microsoft übernahm Nokias Fabrik in Sriperumbudur mit dem vorsätzlichen Plan sie innerhalb eines Jahres zu schließen.

Extrem niedrige Löhne

In Hanoi, Vietnam stampfte Nokia währenddessen eine brandneue Fabrik aus dem Boden. Diese wurde im April 2013 in Betrieb genommen. Die Zustände in Vietnam sind ideal: ein großer Pool an arbeitswilligen ArbeiterInnen, der bereit ist für einen sehr niedrigen Lohn zu arbeiten. Ein/e FabriksarbeiterIn in Hanoi verdient 145 USD im Monat, im Gegensatz zu 466 USD in China (Region Peking) und 324 USD in Indien (Chennai). Gewerkschaften sind in Vietnam kaum vorhanden. Hier wird Nokia von kritischen Gewerkschaften verschont, wie sie sonst in Indien zu finden sind. Des Des weiteren müssen sie sich nicht um streikende ArbeiterInnen, wie in China kümmern. Wie es zurzeit aussieht wird, als Folge des Deals zwischen Microsoft und Nokia, der Großteil der Nokia Produktion von Indien nach Vietnam abwandern.

Es stellt sich nun die Frage, inwiefern Unternehmen die Interessen der ArbeitnehmerInnen berücksichtigen, wenn Investitions- oder Desinvestionsentscheidungen getroffen werden. Nokia präsentiert die Eröffnung der neuen Fabrik in Hanoi als eine goldene Chance für das Land. Die indischen ArbeiterInnen haben wenig davon. Sicherlich werden die Beschäftigungszahlen in Vietnam steigen, aber die ArbeitnehmerInnen werden den hohen Preis mit schwerer Arbeit, extrem niedrigen Löhnen und wenig Gewerkschaftsfreiheit bezahlen.

Rank a Brand, ein Tool für Konsumenten mit dem die Nachhaltigkeit verschiedener Produkte verglichen werden kann, gibt Nokia 13 aus 37 möglichen Punkten. Microsoft, wiederum bekommt nur 4 Punkte, weil das Unternehmen „sehr beschränkte Informationen über deren Nachhaltigkeitspolitik preisgibt. Mehr Richtlinien, Transparenz und Taten sind nötig“. Nokia könnte mehr Punkte bekommen, wenn das Unternehmen nachweisen würde, dass in seiner Produktionskette gute Arbeitsbedingungen herrschen.

 

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