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Menschenunwürdige Arbeitsbedingungen im polnischen IT-Sektor

20. Juni 2013

Arbeitsrechtsverletzungen die bisher aus dem asiatischen Raum bekannt sind, werden nun auch aus Polen berichtet

Kurzzeitverträge mit einer Dauer von zwei Wochen durch Arbeitsvermittlungsagenturen, Kündigungen und Gerichtsverfahren gegen Streikende und GewerkschafterInnen, doch das Arbeitsinspektorat ist unfähig zu reagieren.

Seit 2008 produziert die chinesische Firma Chung Hong Holdings Limited Elemente für Monitore in der Stadt Tarnobrzeg im Südwesten Polens, nahe der Grenze zu Deutschland und der Tschechischen Republik. Die größten Abnehmer der Fima sind LG, Samsung, Logitech, TPV und Kingston.
Wie aus dem asiatischen Raum Bekannt ist wo zum Beispiel im Herbst Hochbetrieb für das Weihnachtsgeschäft herrscht unterliegt auch der polnische IT-Sektor großen Auftragsschwankungen. Zu diesen Höhepunkten der Produktion stehen die ArbeiterInnen auch an Samstagen oder Feiertagen am Fließband – bis zu 16 Stunden täglich. Das Management versucht diese Herausforderung durch die Verwendung von Arbeitsagenturen zu lösen.

In manchen Betrieben sind bis zu einem Drittel der Belegschaft ZeitarbeiterInnen. Diese ArbeiterInnen haben nur Kurzzeitverträge und können sich nie sicher sein, für wie lange sie noch in der Firma arbeiten werden. Für die ArbeiterInnen ist es riskant vom Management angeordnete Überstunden zurücauzuweisen. Sie fürchten, dass ihre Verträge nicht verlängert werden. Abgesehen davon ist dies für sie auch die einzige Möglichkeit ihr schmales Gehalt aufzubessern. ZeitarbeiterInnen müssen Arbeitsbestimmungen zustimmen, die sie vorher nicht einmal zu Gesicht bekommen haben. Die Arbeitsagenturen sind schwer erreichbar für die ArbeiterInnen. Bei ZeitarbeiterInnen kann schon ein Fehltag dazu führen, dass ihr Vertrag gekündigt wird.

Auch im Bereich Gesundheit und Sicherheit am Arbeitsplatz kommt es zu Unregelmäßigkeiten. Die ArbeiterInnen werden nicht ausgebildet und nicht ausreichend über die gefährlichen Substanzen informiert, mit denen sie während des Produktionsprozesses in Kontakt kommen.

Auch die Arbeitsbedingungen der regulären Belegschaft haben sich seit 2008 kontinuierlich verschlechtert. Die Gehälter und Produktionsquoten waren 2008 noch auf einem akzeptablen Niveau. Abgesehen vom Grundgehalt hatten ArbeiterInnen auch Anrecht auf Motiviationszuschläge, es gab einen Sozialfonds und Urlaubszuschläge. Solche Privilegien wurden langsam abgebaut – bis die ArbeiterInnen Ende 2011 nur mehr ihr Grundgehalt in der Höhe von 350 Euro verdienten. Nur durch Überstunden oder einen Bonus für dauernde Anwesenheit in Höhe von 24 Euro konnten sie dieses aufbessern.

Anfang 2011 wurden die Produktionsquoten erhöht. Die Firma kündigte 24 ArbeiterInnen und verteilte deren Aufgaben auf andere. Dies verursachte großen Stress und eine sehr schlechte Arbeitsatmosphäre in der Belegschaft. Die ArbeiterInnen mussten unglaublich hart arbeiten, auch kurze Pausen während der Schicht wurden verboten.

Im Dezember 2011 entschloss sich die reguläre Belegschaft eine Gewerkschaft zu gründen. Sie verlangte Gehaltserhöhungen, die Wiedereinführung des Sozialfonds und den Erhalt des Gratistransports zur Arbeit und nach Hause. Die Verhandlungen zwischen den ArbeiterInnen und dem Management der Firma waren erfolglos. Laut Chung Hong waren die Forderungen der Belegschaft unmöglich zu erfüllen. Die Gewerkschaft erwog einen Streik, eine Mehrheit der ArbeiterInnen unterstützen die Idee. Als dies im Juni 2012 bekannt gemacht wurde, wurde einer der Gewerkschaftsführer sofort gekündigt. Sofort entschlossen sich die Gewerkschaftsmitglieder zu streiken, aber nur 30 ArbeiterInnen beteiligten sich. Das Management erklärte darauf hin den Streik für illegal und kündigte den Großteil der Streikenden. Nur jene GewerkschaftsaktivistInnen, die durch das Arbeitsrecht Kündigungsschutz genossen, blieben weiterhin angestellt. Ihnen wurde jedoch vom Management nachdrücklich geraten nicht zur Arbeit zu erscheinen, damit sie nicht die Möglichkeit hatten ihre KollegInnen zu kontaktieren.

Die Situation bei Chung Hong zeigt die unzähligen Probleme im polnischen IT-Sektor. Viele ArbeiterInnen sind wegen einer hohen Arbeitslosigkeitsrate in manchen Region Polens menschunwürdigen Arbeitsbedingungen ausgesetzt. Sie haben lange Anfahrtswege zu den Fabriken und nach Hause, arbeiten 16-Stunden-Schichten und leben in andauerndem Stress. Es ist unmöglich für die ArbeiterInnen Verstöße gegen das Arbeitsrecht nachzuweisen, denn Gerichtsvefahren kosten Zeit und Geld; das können sich viele nicht leisten – und die Gewerkschaften sind zu schwach aufgestellt. Im Gegensatz zu ihnen befinden sich die Firmen in einer viel besseren Position, da sie sich gut bezahlte Rechtsanwälte leisten können. Überraschenderweise konnte das Arbeitsinspektorat, das Chung Hong kontrollierte, angeblich keine gravierenden Arbeitsrechtsverletzungen feststellen. Dies beweist, dass staatliche Behörden ihre Aufgaben nicht wahrnehmen können oder wollen. Weiters führen neue rechtliche Regelungen der Regierung, die Investoren nach Polen locken sollen, zu weiteren Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen.

Die polnische Doktoratsstudentin und Aktivistin Malgorzata Maciejewska arbeitete von Oktober bis Dezember 2011 als Leiharbeiterin bei Chung Hong. Auf ihren Erfahrungen aufbauend publizierte sie einen Bericht, dem großes Medieninteresse in Polen folgte. Die Clean-IT-Partnerorganisation CentrumCSR.PL hat nun sämtliche Artikel zusammengefasst und ins Englische übersetzt.

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