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Moderne Form der Sklaverei in der IT Industrie und die Rolle von ArbeitsvermittlerInnen

29. Juni 2010

Faire Arbeitsbedingungen weltweit beginnen bei der Anwerbung und Anstellung der ArbeiterInnen. Dass es dabei oftmals weder fair noch sozial verantwortlich zugeht, zeigt eine neue Studie der Verité „Help wanted“- Initiative, die sich für faire Arbeitsbedingungen weltweit einsetzt. Im Rahmen der Studie wurde die Rolle von Arbeitsvermittlungsagenturen analysiert und die daraus resultierenden problematischen Anstellungs- und Arbeitsverhältnisse untersucht. Fazit: ArbeitsvermittlerInnen spielen eine wesentliche Rolle dabei, ArbeiterInnen in eine neue Form der Sklaverei zu treiben.

Die Studie beschäftigt sich an unterschiedlichen Schauplätzen der Welt mit ArbeitsvermittlerInnen und den Anstellungsverhältnissen in verschiedenen Produktionssektoren. Dazu gehört auch die IT Industrie. Keine Industrie ist so dynamisch und global verankert wie die Elektronikindustrie, wodurch sie ein gutes Beispiel für das System der Arbeitsvermittlung in der globalen Warenkette darstellt. Typisch für den Elektroniksektor ist die große Konkurrenz der Fertigungsmanufakturen untereinander, sowie die Abhängigkeiten zwischen jenen Ländern, in denen das Produktionsdesign entworfen wird und jenen, wo die Fertigung stattfindet.

Die Kampagne recherchierte u.a. in Malaysien und Taiwan; beide Länder sind wichtige Produktionszentren für die Elektronikbranche. Sie nehmen damit einen wichtigen, aber aufgrund der schlechten Arbeitsbedingungen auch kritisch zu betrachtenden Platz in der Fertigungskette bekannter Markenunternehmen ein. Da die nötigen Arbeitskräfte vor allem aus den benachbarten Ländern kommen, spielen ArbeitsvermittlerInnen eine große Rolle. Sie rekrutieren die ArbeiterInnen und übernehmen somit einen Teil des Personalmanagements für die Kontraktfertiger.

Da sich die ArbeiterInnen außerhalb ihres Heimatlandes befinden, können sie leicht unter Druck gesetzt und zu Opfern von Menschenhandel und Sklaverei werden. Abgesehen davon, dass die ArbeitsvermittlerInnen oftmals korrupt sind, werden hohe Vermittlungsgebühren von den angehenden ArbeiterInnen gefordert – allerdings nicht am Beginn des Rekrutierungsverfahrens, sondern erst zu einem späteren Zeitpunkt. Diese Gebühren sind so hoch, dass sie die finanziellen Möglichkeiten der ArbeiterInnen zumeist bei weitem übersteigen. Das Geld wird ihnen vorgestreckt und nach und nach vom Lohn abgezogen. Somit müssen die ArbeiterInnen zumindest so lange bei dem neuen Unternehmen arbeiten, bis sie ihre Schulden abgezahlt haben. Die Menschenrechtsorganisation Anti-Slavery International bezeichnet dieses Vorgehen als neue Form der Sklaverei.

Philippinische, indonesische und nepalesische ArbeitsmigrantInnen sind in der malaysischen und taiwanischen IT- Industrie folgenden Arbeitsbedingungen ausgesetzt:

  1. Die  Rekrutierungsgebühren werden primär den ArbeitsmigrantInnen aufgebürdet. Können sie diese nicht bezahlen, werden die Gebühren vom Lohn abgezogen.
  2. ArbeitsvermittlerInnen geben die Höhe der Rekrutierungsgebühren nicht am Beginn sondern erst gegen Ende der Rekrutierungsphase bekannt.  ArbeitsmigrantInnen werden dazu angehalten, Dokumente mit gefälschten Gebührenbeträgen bei der Immigrationsbehörde vorzuweisen.
  3. Die Pässe der ArbeiterInnen werden von den ArbeitgeberInnen einbehalten, wodurch der Austritt aus dem Unternehmen auf legalem Weg unmöglich und die Reisefreiheit vollkommen unterbunden wird.
  4. In Malaysien sind die ArbeiterInnen durch Gesetze an ihre Arbeitsstelle gebunden. Verlassen sie diese droht ihnen der Verlust ihrer Dokumente.
  5. In einigen Fällen in Taiwan verlangen viele VermittlerInnen keine Gebühr von den ArbeitgeberInnen, dafür umso höhere Gebühren von den angehenden ArbeitsmigrantInnen.
  6. Die ArbeitsvermittlerInnen selbst stehen ebenfalls unter Druck und müssen genügend Arbeitskräfte in kürzester Zeit für Unternehmen zur Verfügung stellen.

Um einer solchen Anstellungsfalle zu entgehen, müssen sich ArbeitgeberInnen über die Risiken erzwungener Arbeit bewusst werden, bevor sie einen Vertrag mit ArbeitsvermittlerInnen abschließen. Sie müssen Mechanismen und Methoden entwickeln, um sicherzustellen, dass die ArbeitsvermittlerInnen auf faire Art und Weise ArbeiterInnen anwerben. Weiters ist es die Aufgabe der ArbeitgeberInnen zu gewährleisten, dass die ArbeiterInnen vor Ausbeutung geschützt werden, sowohl vor, bei und natürlich nach Arbeitsbeginn.

Eine der grundlegenden Maßnahmen zur Prävention ist allerdings, dass sowohl ArbeitgeberInnen als auch ArbeitnehmerInnen Informationen über das System der ArbeitsvermittlerInnen geboten wird, und sie uneingeschränkten Zugang zu diesen Informationen haben.

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