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PA: Elektronikindustrie: Arbeitsrechte in der Krise

10. Mai 2010

Ob X-Box, Blackberry oder einfach Computer: Die Elektronikindustrie stellt sich gerne als modern und fortschrittlich dar. Ihre Geräte sollen den Arbeitsalltag erleichtern. Ganz Anderes erleben allerdings die IT-ArbeiterInnen in Produktionsländern wie Mexiko oder Thailand: Ausbeutung, menschenunwürdige Behandlung und prekäre Anstellungsverhältnisse stehen an ihrem Arbeitsplatz an der Tagesordnung.

Wien,10.05.10 Merejilda Mora, eine IT-Arbeiterin und Rubenia Figueroa, Mitarbeiterin der Arbeitsrechtsorganisation CEREAL aus Mexiko sind derzeit auf Einladung der entwicklungspolitischen Organisation Südwind und ihren Kampagnen „Clean-IT“ und „I SHOP FAIR“ zu Gast in Österreich. Im Rahmen eines Pressegesprächs berichteten sie von menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in der mexikanischen IT-Industrie, die für bekannte Marken-Unternehmen wie IBM, Panasonic, Microsoft oder Nokia produziert. In vielen Fabriken müssen die ArbeiterInnen Erlaubniskarten ziehen, um auf die Toilette gehen zu dürfen und sind sexueller Belästigung durch Vorgesetzte ausgesetzt. „Wenn wir uns beschweren, kommen unsere Aufseher ohne Konsequenzen davon- die Arbeiterinnen werden im schlimmsten Fall entlassen. Das bedeutet einen enormen Druck, den man ertragen muss, um das notwendige Geld verdienen zu können“, erzählte Merejilda Mora.

VerliererInnen der Wirtschaftskrise

Während der Wirtschaftskrise wurden weltweit abertausende Jobs in der Elektronikindustrie abgebaut. In Mexiko lag der Produktionsrückgang 2008 bei 40%. Doch wie schon 2002 reagierte die mexikanische Elektronikindustrie auf Krisenzeiten mit einer Verbilligung der Produktionskosten und einer Prekarisierung der Arbeitsbedingungen, um neue Investoren anzuziehen – mit dem Resultat, dass sich die Unternehmen schon Ende 2009 wieder gut erholt hatten. Allerdings: „Die ArbeiterInnen müssen die Kosten tragen, um die Industrie, die ihnen Arbeit gibt, zu erhalten“, so Rubenia Figueroa, Mitarbeiterin von CEREAL aus Mexiko. In Guadalajara etwa hat sich der Anteil der ArbeiterInnen, die über Leiharbeitsfirmen wie Manpower angestellt werden auf 60% erhöht. In der Regel laufen ihre Verträge nur über 28 Tage. Eine Arbeiterin berichtete von zwei Jahren Jobunsicherheit: „Während dieses Zeitraumes habe ich 18 befristete Verträge unterzeichnet, wurde 15 Mal entlassen und sofort wiedereingestellt und drei Mal entlassen ohne sofort wieder einen neuen Vertrag zu bekommen.“

Verhaltenskodex auf dem Prüfstand

Aufgrund der Kritik an den Missständen in der Elektronikindustrie von Menschen- und Arbeitsrechtsorganisationen, verabschiedeten im Jahr 2004 die drei Marktführer Hewlett-Packard (HP), IBM und Dell den brancheneigenen Electronic Industry Code of Conduct (EICC). Mittlerweile wurde er von über 40 Unternehmen übernommen. Trotz mehrmaliger Überarbeitung weist der EICC jedoch Defizite auf. Zudem wird er laufend verletzt. Aufgrund der extrem niedrigen Mindestlöhne, sind die ArbeiterInnen gezwungen ständig Überstunden zu machen, um über die Runden zu kommen. „Der Kodex sieht 60-Wochen vor- nur in Ausnahmefällen dürfen diese überschritten werden. Wer aber mit seinem Lohn nicht überleben kann, lebt ständig in einer Ausnahmesituation, die ihn dazu zwingt mehr zu arbeiten“, kritisierte Andrea Ben Lassoued, Leiterin der Südwind-Kampagne Clean-IT, die sich für bessere Arbeitsbedingungen in der Elektronikindustrie einsetzt. Gerade von einer Recherchereise in Thailand zurück, weiß sie über die vielen Lücken des EICC Bescheid. Verträge oder Anstellungssicherheit werden im EICC nicht erwähnt. Ein thailändischer Arbeiter berichtete ihr: „Weder ich noch einer meiner 5.000 KollegInnen hat einen Arbeitsvertrag.“ Versammlungsfreiheit und das Recht auf kollektive Tarifverhandlungen werden durch den EICC nicht garantiert, auch seine Kontrollen seien intransparent. „Trotz dieser teilweise schwerwiegenden Defizite hat der EICC Potenzial. Um den Worten Taten folgen zu lassen, ist es wichtig, dass die Mitgliedsunternehmen von den Konsumentinnen und Konsumenten in die Pflicht genommen werden und eine lückenlose Einhaltung garantieren“, erklärte Ben Lassoued.

Aktionen in Österreich
Im Rahmen eines gemeinsamen Schwerpunkts der Südwind-Kampagnen „Clean-IT“ und „I SHOP FAIR“ sollen nun öffentliche BeschafferInnen dazugebracht werden, Druck auf Markenfirmen auszuüben und sich für sozial fair produzierte Computer einzusetzen. Denn: 110 Millionen Euro werden in Österreich jährlich im öffentlichen Einkauf für die Beschaffung von IT-Hardware ausgegeben. Soziale Kriterien spielen bei der Beschaffungsentscheidung allerdings bis dato kaum eine Rolle, sondern hauptsächlich Kriterien wie Preis und niedrige Energiekosten. „Werden bei Kaufentscheidungen öffentlicher Institutionen soziale Kriterien einbezogen, kann dies einen entscheidenden Beitrag zur Armutsminderung und für die Verbesserung von Arbeitsbedingungen weltweit leisten“, erläuterte Philip Doyle, Leiter der Südwind-Kampagne „I SHOP FAIR“. Gemeinsam mit StudentInnen werden durch eine Protestkartenaktion und eine online-Petition österreichweit BeschafferInnen ebenso wie RektorInnen, Universitäten und Fachhochschulen aufgefordert, sich durch einen Beschluss zur sozial verantwortlichen Beschaffung von Computern zu bekennen.

Bildmaterial, Pressemappe, sowie Bericht zu den Arbeitsbedingungen in der mexikanischen IT-Industrie zum Download finden Sie unter www.suedwind-agentur.at/presseaussendungen

Weitere Informationen zu den Südwind-Kampagnen Clean-IT und „I SHOP FAIR“ und der online-Petition finden Sie unter www.clean-it.at sowie www.ishopfair.net

Für Rückfragen: Christina Schröder, Südwind Pressesprecherin Tel.: 01 405 55 15 301, Mobil: 0676 750 77 76 christina.schroeder@suedwind.at, www.suedwind-agentur.at/presse

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Diese Presseaussendung wurde mit finanzieller Unterstützung der Europäischen Union erstellt. Die darin vertretenen Standpunkte geben die Ansicht der Südwind Agentur wieder und stellen somit in keiner Weise die offizielle Meinung der Europäischen Union dar.

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